
Die Kapellengemeinde ist seit 1919 eine Personalgemeinde innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Baden. Ihre Trägerin ist die Evang. Stadtmission Heidelberg e.V. Die Gemeinde entstand in Folge des Baus der Evang. Kapelle 1876 durch engagierte Christen aus dem Heidelberger Bürgertum, die 1862 die Evangelische Stadtmission und andere diakonisch-missionarisch orientierte Vereine gegründet hatten. In den vergangenen fast 150 Jahren wuchs die Stadtmission zum größten diakonischen Träger Heidelbergs mit fast 1.400 Mitarbeitern; die Kapellengemeinde, deren ursprüngliches „Alleinstellungsmerkmal“ die Verbindung von Verkündigung und Diakonie war, wurde im Lauf der Jahrzehnte jedoch kleiner, vor allem durch die Veränderung der kirchlichen Landschaft nach dem Krieg.
2003 hatte die Gemeinde nur noch wenig mehr als 100 Mitglieder, die meisten waren über 60 Jahre alt. Es gab einen Sonntagsgottesdienst um 9.45 Uhr mit ca. 30 Besuchern pro Gottesdienst. Außerdem gab es einen Bibelkreis und einen Frauenkreis, die sich wöchentlich trafen, und ein monatliches Gemeindefrühstück. Wegen der geringen Anzahl an Gemeindegliedern kamen Stimmen auf, die Pfarrstelle der Kapellengemeinde zu streichen und die Gemeinde einer der Heidelberger Parochial-Gemeinden zuzuordnen.
In dieser Situation beriet sich der Ältestenkreis der Kapellengemeinde mit dem theologischen Vorstand der Evang. Stadtmission, dem Dekan von Heidelberg und der Kirchenleitung. Um ihre Pfarrstelle zu erhalten, entschied die Kapellengemeinde, in zeitgemäßem Aufgreifen ihrer eigenen Tradition sich zu einer „Profilgemeinde“ zu entwickeln und „Diakoniekirche für Heidelberg“ zu werden. Die Stadtsynode Heidelberg begrüßte diese neue Profilierung der Kapellengemeinde.
Als Diakoniekirche will die Kapellengemeinde
1. eigene diakonische Projekte mit ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen entwickeln und
2. Kirche für die diakonischen Einrichtungen in Heidelberg und ihre Mitarbeiter/innen sein.
Folgende Leitsätze gab sie sich für ihren Strukturwandel:
Die Kapellengemeinde als
die diakonische Gemeinde in Heidelberg
feiert
Gottesdienste,
in
denen an den Rand gedrängte Menschen in die Mitte genommen werden,
in
denen diakonische Einrichtungen in ihrer ganzen Vielfalt ihre Stimme erheben
können,
in
denen Konsequenzen unserer christlichen Botschaft für das diakonische,
sozial-politische Reden und Handeln der Kirche deutlich werden;
lebt als Gemeinde
mit sozial benachteiligten Menschen unserer Stadt.
Inhalte
der Arbeit sind dabei:
Hilfe
zur Selbsthilfe anregen,
nicht
für, sondern mit Betroffenen arbeiten,
Eigenverantwortlichkeit
und Selbständigkeit der Betroffenen fördern.
knüpft mit am
Netzwerk „Diakonie“
und
stellt Verbindungslinien zwischen diakonischen Einrichtungen in ökumenischer
und sozial-politischer Weite her und ist damit auch sozialpolitische Stimme
der Evangelischen Kirche in Heidelberg.
Als Diakoniekirche wollte die Kapellengemeinde im diakonisch-missionarischen Geist ihrer Vorfahren etwas Neues entstehen lassen mit regionaler Bedeutung:
Als diakonische Profilgemeinde soll sie eine Brücke schlagen zwischen Diakonie und verfasster Kirche und beitragen zu einer Kooperation zwischen der verfassten Diakonie und der Diakonie freier Träger, insbesondere der Evang. Stadtmission Heidelberg.
Die damalige Pfarrerin reduzierte ihre Stelle auf eine halbe Stelle, dafür wurde ein neuer Pfarrer gewählt, der mit einer halben Stelle für die hier skizzierte Neuausrichtung der Kapellengemeinde zuständig wurde und nach dem Weggang seiner Kollegin im Frühjahr 2006 die volle Pfarrstelle erhielt.
a) Aufbau neuer diakonischer Projekte im Zentrum Heidelbergs
Die Kapellengemeinde sieht die besonderen diakonischen Herausforderungen der Zukunft vor allem bei wachsender Armut, bei der Integration von „Neu-Heidelbergern“, die aus anderen Nationen kommen, und bei der Wahrnehmung von immer mehr psychisch kranken Menschen auf der Straße.
Neue Projekte der Diakoniekirche sollen der Wahrnehmung und Integration dieser drei Gruppen dienen. Dabei geht es ihr nicht nur um die Hilfe für die Betroffenen, sondern vor allem um ein Gemeindeleben mit ihnen.
Bisher entstanden sind an Projekten der Treff „manna“ für Menschen, die wenig Geld haben, ein monatlicher Afrika-Gottesdienst, ein Latino-Gebetskreis und verschiedene Diakoniegottesdienste mit diakonischen Einrichtungen und ein Gedenkgottesdienst für verstorbene Obdachlose aus der Region.
Für „manna“ gab die Kapellengemeinde ihr altes Pfarrbüro auf und mietete stattdessen einen ehemaligen Bäckerladen in einem Haus in der Plöck. In den hinteren Räumen befinden sich nun die Büros des Pfarrers und der Sekretärin, im vorderen 25 m² großen Laden befindet sich seit dem 01. Mai 05 der Treff „manna“.
„manna“ möchte Menschen einen Raum geben, die mit wenig Geld leben müssen. Es will Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, weil sie krank oder arm sind, einen Aufenthaltsort bieten, wo sie bedingungslos willkommen sind und Menschen finden, die ihnen zuhören. Kaffee und Frühstück werden für 20 bzw. 30 Cent angeboten. Das ermöglicht Menschen mit wenig Geld, in ein „Café“ gehen zu können, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben oder sich auch gegenseitig zu einem Kaffee einzuladen.
„manna“ ist an drei Öffnungstagen in der Woche sehr gut besucht. Wegen der Überfüllung von „manna“ wurde zusätzlich der Vorraum der Kapelle geöffnet, in dem „manna“ von Dienstag bis Samstag stattfindet. An einem Öffnungstag hat „manna“ 2½ Stunden geöffnet, es kommen durchschnittlich fast 50 Gäste pro Öffnungstag. Viele Gäste sind Langzeitarbeitslose, einige sind psychisch krank. Manche Gäste haben in Manna ihren einzigen Ort in Heidelberg, an dem sie sich akzeptiert fühlen und ihrer Einsamkeit etwas entgegensetzen können.
In „manna“ arbeiten über 30 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen aus 12 verschiedenen Heidelberger Gemeinden, die in feste Gruppen mit regelmäßigen Diensten eingeteilt sind. Pro Öffnungstag sind immer 3-4 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen da zum Zuhören und für eine seelsorgliche Begleitung der Gäste. Kleine Andachten um 12 Uhr werden von den Gästen gerne wahrgenommen und teilweise auch selbst gestaltet.
Zu Manna gehört eine
Homepage für Arbeitslose aus der Region mit einem kommentierten Verzeichnis von
130 Links zu Jobbörsen, Wohnungsmärkten und Beratungsangeboten. Zur Zeit
nutzen über 100 Besucher pro Tag dieses Angebot (www.manna-hd.de).
Dazu kommen noch
Sonderveranstaltungen wie ein Grillfest am 1. Mai, der „manna-Advent“ oder
das besondere Weihnachtsfest. Mit manna-Advent lädt die Gemeinde Manna-Gäste
ein zu Advent-Tee, Liedern und Besinnlichkeit. Am 25. Dezember wird nach dem
Gottesdienst ein Weihnachtsfestmahl in der Kapelle organisiert, zu dem
jeder/jede etwas mitbringt. Statt einer einsamen Weihnacht in der eigenen
kleinen Wohnung gibt es so für manna-Gäste in der Kapelle ein schönes
Weihnachtsfest mit großem Büffet. Dieses besondere Weihnachtsfest ist so in
besonderer Weise ein Sinnbild für die Menschwerdung Gottes im Stall zu
Bethlehem.
Der Afrika-Gottesdienst
findet einmal im Monat statt und spricht in Heidelberg und Umgebung lebende
Afrikaner und binationale Paare an. Er zeichnet sich aus durch eine besonders
ausgelassene Stimmung, es kommen zwischen 50 und 150 Menschen in die
Gottesdienste. Ein großer Afrika-Gospelchor singt, und anschließend wird
gemeinsam gegessen. Durch diesen Gottesdienst finden Afrikaner in der Kapelle
eine Heimat und im Kapellenpfarrer einen Ansprechpartner, der bei Fragen und
Problemen zu diakonischen und anderen Einrichtungen vermitteln kann.
Der Latino-Gebetskreis
trifft sich wöchentlich in manna. Es kommen ca. evangelische 15 Latinos aus
unterschiedlichen Ländern Südamerikas.
Der Gedenkgottesdienst für
verstorbene Obdachlose wird veranstaltet von allen Heidelberger
Einrichtungen, die mit Obdachlosen arbeiten (Wichernheim, Talhof und
Bahnhofsmission der Evang. Stadtmission, Obdach e. V., SKM-Wohnungslosenhife).
In dem Gottesdienst werden die Namen derer vorgelesen, die aus der
„Obdachlosen-Szene“ im vergangenen Jahr gestorben sind. Es kommen ca. 90
Leute: Obdachlose, Angehörige Verstorbener und ehrenamtliche und hauptamtliche
Mitarbeiter aus den Einrichtungen. Obdachlose betonen, dass ihnen dieser
Gottesdienst sehr wichtig ist, weil hier etwas für sie getan wird, was über günstiges
Mittagessen und Beratung hinaus geht.
b) Die Kapelle als zentraler geistlicher Raum für die Heidelberger Diakonie
Die Kapellengemeinde pflegt Kontakte zu allen diakonischen Einrichtungen in Heidelberg, zu den Einrichtungsleiter/innen, den Seelsorger/innen und den Mitarbeiter/innen.
In manchen Einrichtungen hält der Pfarrer der Kapellengemeinde regelmäßig Gottesdienste.
In der Kapelle finden „Diakoniegottesdienste“ statt. Diese Gottesdienste bereitet der Kapellenpfarrer mit Mitarbeitern diakonischer Einrichtungen vor; die Einrichtungen, ihre Mitarbeiter/innen und Klienten mit ihren jeweiligen Problemen stehen dann im Zentrum des Sonntagsgottesdienstes.
Die diakonischen
Einrichtungen nutzen die Diakoniekirche auch gerne für besondere
Veranstaltungen:
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Das Blaue Kreuz Heidelberg feiert
einen Abendmahlsgottesdienst am Buß- und Bettag mit Suchtkranken, die ein Jahr
abstinent geblieben sind.
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Die Stadtmission ehrt in einem jährlichen
Festgottesdienst Mitarbeiter/innen mit zehn und fünfundzwanzig Dienstjahren mit
dem Kronenkreuz der Diakonie.
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Das Diakonische Werk veranstaltete
einen Gottesdienst zur Eröffnung der neuen Tagesstätte für psychisch kranke
Menschen
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Die ökumenischen „Heidelberger
Frühstückswochen“ für Bedürftige in den Wintermonaten werden mit einem ökumenischem
Festgottesdienst feierlich eröffnet. Die Frühstückswochen sind ein Projekt
von 20 evangelischen, katholischen und freikirchlichen Gemeinden in Heidelberg,
die im Wechsel jeweils eine Woche lang ein kostenloses Frühstück anbieten, so
dass Bedürftige von November bis März an jedem Tag ein kostenloses Frühstück
bekommen können.
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Neue Einrichtungsleiter der Evang.
Stadtmission werden in einem Festgottesdienst in der Kapelle eingeführt.
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Die Stationsleiterinnen des
Krankenhauses Salem verbringen jährlich einen Klausurtag in der Kapelle zu
Themen wie „Kommunikation“, „Diakonie“ oder „Entspannung“.
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Das Diakonische Werk führt neue
ehrenamtliche Mitarbeiter in der ambulanten Hospizhilfe in einem
Festgottesdienst ein.
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Das Blaue Kreuz Heidelberg
veranstaltet regelmäßig unter dem Titel „KUNST - SUCHT - KIRCHE“ eine
Ausstellung mit Bildern, die von Klienten gemalt wurden.
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Die Wiedereingliederungshilfe
brachte die Ausstellung „Kunst trotz(t )Armut“ nach Heidelberg, in der
Bilder namhafter deutscher Künstler zu Armut und Obdachlosigkeit gezeigt
wurden.
c) Die Kapellengemeinde als Personalgemeinde
Nach wie vor ist die Kapellengemeinde eine Personalgemeinde. Die Mitglieder bestehen vor allem aus den Menschen, die seit Jahrzehnten in der Kapelle gemeldet und zu Hause sind. Diese „alte“ Gemeinde engagiert sich nach wie vor in der Kapelle. Durch die neuen Impulse als „Diakoniekirche“ kommen jedoch ständig neue Mitglieder dazu, weshalb die Kapellengemeinde eine wachsende Gemeinde ist.
Die Säulen der Kapellengemeinde sind Gebet, Gemeinschaft und Nächstenliebe. Diese Werte bestimmen das Leben in der Kapellengemeinde. Mit diesen drei Werten sieht sich die Kapellengemeinde in der Tradition zur urchristlichen Gemeinde.
Gebt, Gemeinschaft und Nächstenliebe stehen miteinander in Beziehung, die Übergänge sind häufig fließend. So darf Nächstenliebe zum Beispiel nicht als bloßes Geben missverstanden werden. Sondern Nächstenliebe wird gelebt, wenn man mit anderen in Gemeinschaft lebt und in ihnen Jesus Christus im Sinne von Mt. 25, 31 ff erkennt. Recht verstandene Nächstenliebe ist insofern Gottesdienst, was man in manna und anderen Bereiche auch spirituell erfahren kann.
Auf der anderen Seite dürfen Sonntagsgottesdienst und Andachten nicht losgelöst von dem Dienst am Nächsten verstanden werden, sondern die Menschen, an die sich die Kapelle wendet, ihre Probleme und die Arbeit der Mitarbeiter müssen im Gottesdienst vorkommen.
Der Gottesdienst steht im Zentrum der Kapellengemeinde. Die Werte Gebet, Gemeinschaft und Nächstenliebe müssen sich jedoch in allen Bereichen der Kapellengemeinde wiederfinden.
Dafür ein paar Beispiele:
Wenn der Ältestenkreis der Kapellengemeinde sich monatlich trifft, wird zunächst zusammen gefrühstückt (Gemeinschaft), dann hält der Pfarrer eine Andacht (Gebet), dann kümmert sich der Ältestenkreis um die „Nächstenliebe“, indem er die Aufgaben der Gemeinde organisiert und über Anfragen entscheidet.
Manna ist organisiert in der Gemeinschaft des Leitungskreises, der ehrenamtlichen Mitarbeiter, die wiederum die Gemeinschaft der Gäste fördern. Alle Treffen werden mit einer Andacht eröffnet, manna wird täglich mit einer Andacht abgeschlossen. Manna als Treff für Arme ist gelebte Nächstenliebe.
Bei der anstehenden Sanierung der Kapelle wird darauf geachtet, dass die Räume geeignet sind für Gebet, Gemeinschaft und Nächstenliebe.
Die Kapellengemeinde ist eine wachsende Gemeinde. Sie wird aber nur dann richtig wachsen, wenn alle drei Bereiche gleichmäßig wachsen.
Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus erleben miteinander Wertschätzung und Gottes Zuwendung in Predigt, Sakrament und persönlicher Achtung. Das Leben in seiner ganzen Breite von der Stille bis zum Feiern, von der Geburt bis zum Tod hat hier seinen Platz. In diesem Sinne ist die Kapelle ein Raum des Lebens, wie Gott es uns in seiner ganzen Vielfalt schenkt.
In der Kapelle kommen Gott und Straße zusammen: Menschen, die müde sind auf ihrem Weg, können hier auftanken und das Leben in seiner Vielfalt neu erfahren.
Diagramm: Aufgaben der Evang. Kapellengemeinde:

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“
(D. Bonhoeffer)

Heinrich W. Grosse: "Wenn wir die Armen unser Herz finden lassen..." –
Kirchengemeinden aktiv gegen Armut und Ausgrenzung. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der EKD, Hannover 2007. S. 67ff.
Wilfried Härle (Hrsg.): Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, Leipzig 2008. S. 134ff.
Link: www.kapellengemeinde.de